Porträt
Georg übt Demokratie
Immer wenn's in den Straßen kalt ist, zieht sein Theater um - notgedrungen. Der Hamburger Georg Genoux beißt sich durch im Moskaus Off-Bühnen-Szene.
Eng, warm und stickig ist es in dem schwarz gestrichenen Kellerraum, und obwohl kaum noch Platz ist, drängen immer noch mehr Menschen herein. Sitzreihen gibt es heute Abend nicht in diesem kleinen Studiotheater, die Besucher greifen nach einem der Klappstühle, die ihnen ein rundlicher Mann mit Brille und schwarzer Baskenmütze reicht.
Der Mann mit der Mütze ist Georg Genoux, 32 Jahre alt, gebürtiger Hamburger, Regisseur und Mitbegründer der Moskauer Off-Bühne Theater.doc. Gleich wird hier das Stück "Die Wahrheit hinter dem Polarkreis" beginnen. Genoux wacht darüber, dass die Stühle ordentlich aufgeklappt und an der richtigen Stelle abgestellt werden. Nicht in Reihen, sondern nach einer eigenen, undurchschaubaren Ordnung. Und das hat seinen Grund: In ein paar Minuten werden vier Schauspieler inmitten des Publikums auftreten. Sie werden in die Rollen von Aidskranken schlüpfen, die sich in einem verlassenen Haus eine Scheinwelt aufbauen. Sie werden um die Stühle herumlaufen, sich an ihnen entlangtasten und vielleicht an ihnen rütteln. Weil die Schauspieler Platz brauchen, müssen die Klappstühle in genau dieser Anordnung stehen. Sagt Genoux.
Vieles an Theater.doc erinnert eher an Berlin- Kreuzberg als an Russlands Hauptstadt mit ihren protzigen Innenstadtstraßen und geleckten Boutiquen. Auch der Spielplan ist nicht gerade typisch für ein russisches Theater. Die Stücke handeln von Ängsten, Sorgen und Hoffnungen junger Menschen. Sie drehen sich um soziale Probleme. Und - anders als in allen anderen Theatern des russischen Riesenreichs - um Demokratie.
"Theater.doc ist gleichzeitig Underground und Avantgarde", erklärt Georg Genoux nach der Aufführung. "Underground ist es, weil wir eine Plattform für Subkultur sind, die in kaum einem Reiseführer auftaucht. Avantgardistisch ist es, weil wir auch sozialkritische Inszenierungen ins Programm nehmen, die in den etablierten Häusern nicht laufen würden." Sein Blick wandert durch die etwa zehn Quadratmeter große Garderobe: über den wackeligen Tisch mit dem Jackenberg, das Regal mit dem Schweizer Instant-Kaffee, die schiefen Heizungsrohre, die drei Meter weiter oben in der Decke verschwinden. Plötzlich ein unangenehm lautes Geräusch: Genouxs Handy. "Entschuldigung, eine Schauspielerin ..."
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